Nachhaltigkeitsbericht 2017/18

„Abends vor dem Fernseher kam mir plötzlich die Idee mit den Klebepunkten“

Er hat im Selbstversuch den Markt der Sekundärverpackung verändert: Christopher Stuhlmann beschäftigte sich erfolgreich mit der Frage, wie sich Gebinde anders als mit Folie erzeugen lassen. Das Ergebnis Nature MultiPack™ (NMP) ist eine der nachhaltigsten Lösungen für Packs überhaupt.

 

Wenn man kurzentschlossen den nächstgelegenen Baumarkt aufsucht, dort diverse Klebstoffe kauft, als nächstes verschiedene Behälter (Dosen-, PET-Getränkeflaschen) besorgt und schließlich zuhause daran herumtüftelt, diese auf intelligente Art und Weise zu verbinden, muss etwas Besonderes im Gange sein. Und genau das war es auch, als Christopher Stuhlmann, damaliger Leiter des Produktcenters Verpackungstechnik bei KHS, im Sommer 2011 den Einfall für eine richtungsweisende umweltschonende Verpackung hatte.

Vorangegangen war ein Besuch der interpack, auf der er und seine Kollegen die Konkurrenz dabei beobachteten, wie sie medienwirksam ein neues Gebinde-Packband vorstellten, welches das Verpackungsmaterial deutlich reduzierte. „Mein Chef fragte nur: ‚Was ist unsere Antwort darauf?’“, erzählt der 51-jährige Maschinenbautechniker. Und ab diesem Zeitpunkt begann sein Gehirn offenbar zu grübeln – mal bewusst, zum Beispiel in Gesprächen mit Kunden und Partnern – mal unbewusst, wie an jenem Abend bei sich zuhause.

Er hatte es sich gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht, um den Feierabend einzuläuten. „Da kam mir plötzlich die Idee mit den Klebepunkten“, sagt Christopher Stuhlmann. Wie wäre es, wenn man Behälter für die Getränke- , Food- und Non-Food-Industrie mithilfe von Klebstoff so miteinander verbindet, dass sie ohne jegliches zusätzliches Material aneinanderheften, sich aber leicht und ohne Kraftaufwand wieder voneinander trennen lassen?

Überzeugender Kurzfilm aus dem Wohnzimmer

„Inspiriert hatte mich damals tatsächlich ein Gespräch mit Herrn Göring, ein verantwortlicher Manager bei einem unserer guten Kunden, der spaßeshalber sagte, man müsse am besten eine Art ‚Lufthaken’ erfinden, mit dem sich die Flaschen verbinden ließen“, erinnert sich Christopher Stuhlmann. Dieser Begriff brachte ihn schließlich auf die Idee, mit kleinen Punkten aus Klebstoff fast ebenso wenig Material einzusetzen wie Luft. „Ich bin dann in den Baumarkt gefahren und habe mir sämtliche Kleber besorgt, die ich finden konnte“, erzählt der heutige Direktor Produktdivision Linie – vom Klebestreifen über Sekundenkleber bis zur Heißklebepistole. Mit ihnen setzte er sich ins Wohnzimmer und experimentierte damit, die verschiedenen Behälter (PET-Flaschen, Dosen etc.) verschiedener Größen auf die gewünschte Weise aneinanderzukleben. „Es darf ja auch nicht zu schwer sein, die Flaschen wieder auseinanderzubekommen. Am besten hat das mit den Klebestreifen funktioniert“, erinnert er sich. Er nahm ein „internes Marketing-Video“ auf, wie er es bezeichnet – darin führte er seine Idee und das Ergebnis seiner Versuche vor und zeigte es anschließend dem technischen Geschäftsführer. Dieser war begeistert und sprach sich sofort dafür aus, die Idee umzusetzen. „Am Tag nach dem Wohnzimmerexperiment sind die Flaschen zwar wieder auseinandergefallen“, sagt Christopher Stuhlmann und lacht. „Aber für das Video haben sie gehalten.“ Das genügte, um ihren Zweck zu erfüllen.

Zehnmal leichter, vegan und umweltfreundlich ohne Plastik

In der folgenden Testphase arbeitete KHS mit drei verschiedenen Klebstoffanbietern zusammen und probierte 4.000 verschiedene Klebegemische aus, bis ein wirklich zufriedenstellendes Ergebnis erreicht war. Die Entwicklung des heute verwendeten Klebstoffs dauerte sechs Jahre – und ist noch immer nicht beendet. Zwar sind die Gemische für PET und Dosen vorerst weitestgehend gefunden, für weitere Oberflächen muss aber jeweils neu getestet werden.

NMP reduziert das Verpackungsmaterial bedeutend um bis zu 90 Prozent und benötigt dadurch auch erheblich weniger Energie als Foliengebinde. So sinkt der CO2-Abdruck um bis zu 70 Prozent. Auch die materielle Ersparnis der bahnbrechenden Innovation ist beachtlich: Während eine klassische Folienverpackung ungefähr 17 bis 20 Gramm pro PET-Sixpack wiegt, benötigt das Nature MultiPack™ lediglich 1,5 bis 2 Gramm Klebstoff. Hinzu kommt der Umweltschutz, da der vegane Klebstoff anders als Folie nicht in Mikroplastik zerfällt.

Mit Evian (Danone Gruppe) hat NMP für die PET-Flaschen einen bedeutenden Kunden gewonnen der das Produkt gemeinsam mit der KHS weiterentwickelt.
2018 folgte Carlsberg mit Dosengebinden – und diese bescherten KHS große mediale Aufmerksamkeit. Auch hier setzt die KHS auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit, sodass Carlsberg durch die Nutzung von NMP jährlich 60 Millionen Plastiktüten bei vollständigem Rollout einsparen wird. Dadurch wird die folienfreie Lösung bei den Verbrauchern weiter bekannt. „Und die Verbraucher sind es schließlich, die entscheiden, ob eine Innovation wie diese sich breitflächig durchsetzt und etwas für die Umwelt getan werden kann“, sagt Christopher Stuhlmann. Er hätte sich nicht erträumen lassen, welche Entwicklung seine einstigen Wohnzimmerexperimente einmal nehmen würden. Und mit Blick auf die Zukunft ist noch vieles möglich. So zum Beispiel die Anwendung auch auf andere Materialien wie Glas, Karton-Verbundverpackung oder Metallbehälter. „Es ist schon etwas Besonderes, an einer Reise wie dieser von Anfang an teilgenommen zu haben“, fasst er zusammen. Und das ist noch ziemlich bescheiden formuliert – schließlich hätte diese Reise ohne seinen Geistesblitz vor dem Fernseher gar nicht erst begonnen.